Büchsenknall und VogelgezwitscherFlunterns Schiessplatz – einer der schönsten der Schweiz
Der Name täuscht. Denn eigentlich lag der Schiessplatz Fluntern – seit der Grenzverschiebung im Rahmen der Eingemeindung 1893 – auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Hottingen. Jahrzehnte übten hier die Männer vom «Schiessplatzverband Fluntern» das Zielen und Abdrücken und hofften auf Treffer auf den 300 Meter entfernten Scheiben. Weit abgelegen von Wohnquartieren, in Richtung Dübendorf, störte das Knallen der Büchsen höchstens die Vögel. – Seit 1997 erinnert nur noch der «Kugelfangweg» als nordöstliche Begrenzung der Masoala an den Schiessplatz.
1943 beschlossen Stadtrat und Gemeinderat den Neubau der «Schiessanlage Fluntern».
Ein «eklatanter Beweis für die Vorzugsstellung, die das ausserdienstliche Schiesswesen als Charakterzug des schweizerischen Milizsystems geniesst». (NZZ 1. 4. 1946)
Im April 1946 wurde der neue Schiessplatz eingeweiht: «Der Schützenverband Allmend Fluntern erhält nach zweijähriger Bauzeit ein Schiessanlage, die aus einem luftigen, freundlichen und sich auch nach aussen vorteilhaft präsentierenden 300 m Stand beschossen werden kann, eine mustergültige Anlage, die man mit Recht als einen der schönsten Schiessplätze der Schweiz bezeichnen kann … Punkt 2 Uhr flogen die ersten Schüsse aus den Rohren … zu einem Wettschiessen, das als prominenten Kranzschützen auch Regierungsrat Dr. Vaterlaus im Pistolenstand sah … Wenn man sich noch den geplanten Baumschmuck der nächsten Umgebung dazu denkt, rundet sich die Schiessanlage Allmend Fluntern zu einer harmonischen Lösung …» (NZZ 1.4. 1946)
Ganz so «harmonisch» empfanden den Neubau nicht alle. 1937 war die in Zürich erste Einfamilienhaussiedlung gebaut worden. Direkt neben dem Zoo entstanden 54 Doppelhäuser nach dem damals neuen «Gartenstadtmodell»: «Im Klösterli».
Als der «Schiessplatz Allmend Fluntern» erweitert werden sollte, kam es zur Konfrontation zwischen den Bewohner vom «Im Klösterli» und den Betreibern des Schiessplatzes: «Bisher war das Leben dort idyllisch. Seit einiger Zeit summt und braust es in der Siedlung wie in einem Bienenhaus vor dem Schwarm. Die Siedler aller Weltanschauungen sind zusammengetreten, um eine gemeinsame Gefahr von sich abzuwenden. Der Schiessplatz Allmend Fluntern, auf dessen Verlegung man in absehbarer Zeit gehofft hatte, soll nun im Gegenteil vergrössert werden … Man wird also inskünftig, wenn man am Samstagnachmittag im Garten arbeitet, sein eigenes Wort nicht mehr verstehen können, und wenn man der Frau ruft, sie solle den Spaten bringen, dann versteht sie «Watte», in der Meinung, man wolle sich die Ohren zustopfen … Schluss mit Geschrei, mit Aufmärschen, mit Knallen, endlich einmal mehr Rücksicht auf den Einzelmenschen …» (Volksrecht 24.11.1949)
Aber auch die Gegenseite mobilisierte: Es wird versucht, «den Lärm des Schiessens als ungeheuerlich und absolut unerträglich für die Kolonie hinter dem Zoo darzustellen. Es ist leider immer und immer wieder die gleiche Geschichte: zuerst bestand die Schiessanlage, dann sorgen Spekulanten für den Verkauf der angrenzenden Liegenschaften … in der Meinung, der Schiessanlage könne damit ohne weitere Umstände der Garaus gemacht werden. Interessant ist es, dass das vermeintliche Idyll nur durch das Schiessen gestört werden will, nicht aber durch spezifische Gerüche und das weithin hörbare Brüllen der Raubtiere im Zoo …» (Volksrecht 1.12.1949)
Auseinandersetzungen um den Schiessplatz gab es auch mit dem Zürcher Stadtforstamt: «Dass ein dichter Waldgürtel als Kugelfang gute Dienste leistet, ist selbstverständlich. Weniger selbstverständlich dürfte sein, dass ein Waldbesitzer gehalten werden kann, seinen Wald nicht zu nutzen, wenn er zufällig in der Verlängerung der Schussbahn eines Scheibenstandes zu liegen kommt. Er ist schon hinreichend geschädigt durch die den Bäumen durch Prellschüsse zugefügten Verletzungen …» (Der Stadtforstmeister 4.2. 1941)
Der Betreiber des Schiessplatzes, der Schützenverband Allmend Fluntern, andererseits setzte sich energisch mit Gesuchen an Zürichs Stadtverwaltung für eine Erweiterung des Schiessstandes ein: Ausbau des Schiessstandes auf 30 Scheiben, Errichtung diverser Büroräume und Magazine.
Die Lösung: ein Neubau des Schiessplatzes Fluntern: «Da sich in den letzten Jahren die Klagen über die Lärmbeeinträchtigungen in Fluntern gemehrt hatten, kamen die städtischen Stellen … zum Schluss, dass nur ein in Massivbauweise erstelltes neues Schützenhaus … für die Anwohner eine Verbesserung in Bezug auf den Schallschutz bringen könnte …» (Fluntern, Jahrgang 17, Nr. 3)
Nach dem Abbruch des alten Schützenhauses im November 1970 wurde am gleichen Standort ein Neubau errichtet: «In den Schiesshallen hat man als akustische Massnahmen Nadelfilzbeläge … Schallisolationsmatten sowie Holzspäne-Zementplattendecken erstellt … Anlässlich einer Feier hat Stadtrat Erwin Frech am Freitagabend den sanierten Schiessplatz seinem Kollegen, Polizeivorstand Hans Frick, übergeben, nachdem sich verschiedene städtische Abteilungen in einem Schiesswettkampf gemessen hatten» (ebenda)
Aber der Streit zwischen den Bewohnern der Siedlung «Im Klösterli» und den Betreibern des Schiessplatzes Fluntern ging weiter. Er beschäftigte auch den «Quartierverein Zürichberg»: «29 × habe ich das Traktandum ‹Schiesslärm im Klösterli› gezählt», so Cecile Brändli, die Chronistin des Vereins.
Das Ende – Platz für den Zoo
Das Ende des «Schiessplatzes Fluntern» kam dann plötzlich und von unerwarteter Seite. Anfang der 1990er Jahre präsentierte der Zoo (Direktion Alex Rübel) das Projekt «Masoalahalle». In einer zirka einen Hektar grossen Halle sollte ein Stück madegassischen Regenwaldes nachgebildet werden.
Und: als Standort wurde der «Schiessplatz Fluntern» ausgewählt.
Es gab Bedenken: «… vor allem die Bewohner der Klösterli-Siedlung sehen dem geplanten Zoo-Ausbau von 12 auf 27 Hektaren und der neuen Madagaskar-Halle riesigen Ausmasses mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber» (F. Stoll, Jahresbericht des Quartiervereins Fluntern 31.1. 1995)
Und Proteste: Polizeiamt der Stadt Zürich, der Schiessplatzoffizier: «Der Präsident des ‹Schiessplatzverbandes Fluntern› Spalinger weist darauf hin, dass der Schiessplatz Fluntern seit 100 Jahren bestehe, eine Sanierung mit einfachen Mitteln möglich sei, ferner werde auch viel für die Jugend getan.»
Ohne Erfolg.
Am 10. Juli 1996 kam das endgültige «aus» für den Schiessplatz Fluntern: «Der Zoo Zürich beabsichtigt … eine Erweiterung seiner Anlagen … Gewichtigstes Bauwerk der gesamten Zooerweiterung ist der Bau einer Oekosystemhalle, deren Standort … auf den nordöstlichen Teil des Schiessplatzes Fluntern verlegt wurde … Der Schiessplatz wird aufgehoben und damit der Schiessbetrieb eingestellt». (Ursula Koch Vorsteherin des Hochbaudepartements der Stadt Zürich)
Ende des «schönsten Schiessplatzes der Schweiz».