Flunterns Herz — Der Vorderberg

«Warten Sie nur einmal dort aufs Tram und nützen Sie die Zeit, das Kirchlein, die alten Riegelbauten an der Zürichbergstrasse und diejenigen an der Tramhaltestelle zu betrachten … Was sich uns hier darbietet, ist ein Stück wirklicher Heimat, Sinnbild eigenen Herkommens, sichtbarer Gruss aus der Zeit der Vorfahren, als es noch keine Architekten, aber Baumeister gab, deren Meisterschaft wir mit Fug auch heute noch lobpreisen. Wenn Ihnen da nicht ein liebendes Gefühl das Gemüt wärmt …» (Witz, NZZ, 17.2.1965).
Der Vorderberg, ein Stück altes Zürich, eigentlich ein Idyll mit der «Alten Kirche» aus dem Jahre1763, dem ehemaligen Gesellenhaus, der Gastwirtschaft «Zum Weingarten» und dem «Forsterhaus». Im Wesentlichen ist dieses dörfliche Zentrum mit seinen typischen, behäbigen Bauten im 17. und 18. Jahrhundert entstanden. Vom Zahn der Zeit schon etwas angenagt, aber durchaus noch intakt, bildet diese Häusergruppe den Mittelpunkt von Fluntern, sein Herz.


Hochleistungskreuzung Vorderberg
Die fünfziger Jahre. Die Motorisierung hat auch die Schweiz erreicht. Das Automobil, bislang nur wenigen gut situierten Menschen zugänglich, wird mehr und mehr zum Allgemeingut. Die neue Mobilität bringt aber auch neue Probleme mit sich. Den Verkehr. Besonders in den Städten mit ihren aus der Vergangenheit stammenden Infrastrukturen. Durch den Bau immer neuer Strassen, Über- und Unterführungen versucht man sie zu lösen. Stichwort: die autogerechte Stadt.
Auch Zürich hat Probleme mit dem Verkehr. Einer der neuralgischen Punkte ist der Vorderberg in Fluntern. Hier treffen nicht weniger als acht Strassen zusammen. Der Vorderberg – ein Verkehrshindernis aus der Sicht der Strassenplaner und, wegen der zentralen Lage seiner Grundstücke, ein äusserst attraktives Immobilienobjekt.
Im Sommer 1959 hört der Vorstand des Quartiervereins Fluntern gerüchteweise vom beabsichtigten Verkauf der Häuser am Vorderberg an eine Immobilienfirma. Er ist alarmiert und reagiert sofort mit einer Eingabe an den Stadtrat: «Der Quartierverein Fluntern weiss, dass im Vorderberg brennende Verkehrsprobleme bestehen. Er ist aber der Meinung, dass die besagte Häusergruppe nicht dem Verkehr geopfert werden dürfe, sondern dass für diesen andere Lösungen gesucht werden sollen.» (Brief Vorstand Quartierverein Fluntern an Stadtrat, August 1959)
Allerdings kann der Quartierverein nur ersuchen oder bitten. Immerhin erfährt die Öffentlichkeit durch seine Aktivitäten das ganze Ausmass der beabsichtigten Baumassnahmen: Die Göhner AG, die neue Eigentümerin, will am Vorderberg eine Grossüberbauung errichten und die Stadt Zürich möchte die Gelegenheit nutzen und den Verkehrsknotenpunkt Fluntern zu einer Hochleistungskreuzung für den Verkehr zwischen Dübendorf und Stadtzentrum einerseits und der Achse Winterthurer Strasse, Bergstrasse zur Forchstrasse andererseits ausbauen. Stichwort: Osttangente.
Beide Projekte ergänzen sich prächtig. Und beide bedingen sich gegenseitig. Also: Abriss des» Gesellenhauses» und des «Nägelihauses».
Der Quartierverein Fluntern mobilisiert die Öffentlichkeit, die Presse, die Bevölkerung von Fluntern, verfasst weitere Eingaben an den Stadtrat, «bittet inständig». Vergeblich. Eine Hoffnung allerdings gibt es. Innerhalb der Stadtregierung, so erfährt der Präsident des Quartiervereins, H. Sieber, sind die Meinungen geteilt. Stadtpräsident Emil Landolt und Stadtrat Sigmund Widmer sind für den Erhalt der Häuser. Und das Hochbauamt hat ein Projekt erarbeitet, das die Verkehrsprobleme ohne Kahlschlag lösen kann. Mit einer Strassenführung, durch die die alten Häuser gleichsam wie auf einer Insel zu stehen kämen.

Beseitigung der Häuser am Vorderberg
Trotz aller Proteste entscheidet der Stadtrat am 3. November 1961: «Über den Ausbau der Zürichbergstrasse zwischen Hoch- und Gladbachstrasse liegen zwei Varianten vor. Nach der Variante I werden die Häuser Zürichbergstrasse 69, 71 und 75 abgebrochen. Nach der Variante II bleiben die erwähnten Häuser wie auf einer Insel stehen … . Der Stadtrat stimmt mit sechs Stimmen der Variante I zu … Der Stadtrat beschliesst: Der Ausbau der Zürichbergstrasse hat nach der Variante I des Tiefbauamtes unter Beseitigung der Häusergruppe Zürichberstrasse 69, 71 und 75 zu erfolgen.» (Beschluss des Stadtrats der Stadt Zürich, 3.11.1961)
Der Abriss der Häuser am Vorderberg scheint damit endgültig besiegelt.

David gegen Goliath
Was nun einsetzt, ist rückschauend nur als ein kleines Wunder zu bezeichnen.
Denn der Kampf um den Erhalt der Häuser am Vorderberg geht nach dem Abrissbeschluss des Stadtrates erst richtig los.
Die Ausgangslage könnte dabei ungleichgewichtiger nicht sein: Auf der einen Seite Bürger und Bürgerinnen von Fluntern, auf der anderen ein finanzstarker Investor und die Stadtverwaltung.
«In erster Linie dürfte es nun an den Flunternern selbst sein, sich für ihr Orts- und Quartierbild zu wehren …», hatte der Tages-Anzeiger bereits im März 1960 (Tages-Anzeiger, 19.3.1960) geschrieben. Und sie beginnen sich zu wehren.
Getragen von grossen Teilen der Bevölkerung organisieren der Quartierverein Fluntern und das eigens gegründete Komitee «Pro Vorderberg» mit ihren ausserordentlich hartnäckigen und einfallsreichen Präsidenten H. Sieber und W. Behrens den Widerstand gegen den Abriss des «Vorderbergs».
Sie informieren kontinuierlich die Öffentlichkeit, sammeln Geld und lobbyieren beim Gemeinderat. Mit Erfolg. Immer mehr Gemeinderäte unterstützen ihr Anliegen. Am 23. Mai 1962 reicht Gemeinderat Martin Usteri zusammen mit 59 anderen Gemeinderäten eine Motion ein: «Es sei eine Vorlage mit Projekt und Kredit zu beschliessen, durch welche unter Verbesserung der Verkehrsverhältnisse bei der alten Kirche Fluntern die Häuser am Vorderberg in Fluntern erhalten und samt der alten Kirche Fluntern unter Heimatschutz gestellt werden.» (Motion Martin Usteri, u.a. 23.5.1962)
Der Stadtrat lehnt die Motion ab. Stadtrat Welter, Vorstand des Bauamtes I, des heutigen Tiefbauamtes, verweist auf die prekäre Verkehrssituation. Ausserdem seien die alten Häuser nicht erhaltenswert, der Moment, um sie stehen zu lassen, sei verpasst worden.
Auch das Polizeiamt engagiert sich für den Abriss und gegen die Motion «Usteri». Es will den Durchgangsverkehr auf der Hochstrasse erhalten: «Es beanstandet die Unterbindung der Hochstrasse von der Gloriastrasse. Es ergäben sich für die Bewohner der Hochstrasse unbefriedigende Zufahrtsverhältnisse.» (Antrag des Stadtrates der Stadt Zürich an den Gemeinderat, 29.6.1962)

Eine schrullige Seldwylerei
Am 18. September 1962 wird die Motion «Usteri» dann im städtischen Parlament behandelt. Die Mehrheit der Gemeinderäte ist der Ansicht, dass die drei alten Häuser in Fluntern dem Verkehr geopfert werden müssen.
Jetzt muss das Volk entscheiden. Die Abstimmung wird für den 8. Dezember 1963 angesetzt.
In ihren Abstimmungsparolen plädieren die bürgerlichen Parteien mehrheitlich für den Erhalt der Häuser, die sozialdemokratische Partei und die damalige Bauern-Gewerbe- und Bürgerpartei rufen zum Abriss auf.
Der Abstimmungskampf wird für die damalige Zeit ungewöhnlich hart geführt. Vor allem von Seiten der Abrissbefürworter.
Interessant ist, dass sich für einmal die beiden grossen Zürcher Zeitungen einig sind und am Abrissprojekt kein gutes Haar lassen.
«Völlig unverständlich ist, dass Stadt- und Gemeinderat glauben, einen leeren Platz mit Tramgleisen, Inselperrons und zwei je sieben Meter breiten Fahrbahnen einen wirkungsvollen Mittelpunkt des Quartiers Fluntern nennen zu müssen. Ein öder Platz, auf dem die Fussgänger von Inselperron zu Inselperron hüpfen …», so die Neue Zürcher Zeitung. (NZZ, 2.12.1963) Und der Tages-Anzeiger: «Man ist geneigt, an eine schrullige Seldwylerei zu denken, nicht aber an auf sinnvolle Planungsarbeit ausgerichtetes Handeln.» (Tages-Anzeiger, 2.12.1963)

Fackelzug für das Herz von Fluntern
Die Stimmung schlägt langsam aber sicher zugunsten der Abrissgegner um. «Pro Vorderberg» und dem Quartierverein gelingt es, breite Schichten in ganz Zürich für dieses doch sehr lokale Anliegen Flunterns zu gewinnen. Die Quartiervereinspräsidenten von Zürich, der Ingenieur- und Architektenverein, die Kirchgemeindepräsidenten, natürlich der Heimatschutz, selbst der Automobilclub der Schweiz, Sektion Zürich – sie alle werden als Unterstützer gewonnen.
Letzter Höhepunkt in der Abstimmungskampagne ist ein Fackelzug der Jugend, organisiert von den Studenten beider Hochschulen, Oberseminaristen und Töchterschülerinnen vom Bellevue hinauf nach Fluntern.
«Gemeinderat Dr. W. Behrens dankte den Jungen, die sich aufgemacht hatten, die Mitbürger aus ihrer Gleichgültigkeit zu rütteln. Denn was heute in Fluntern geschieht, droht morgen anderen Quartieren der Stadt … Auf dem Turnplatz wurden die Fackeln zusammengeworfen. Die Fluntermer und ihre Gäste standen im Kreis ums Feuer und tranken heissen Tee. Und alle hoffen auf einen guten Ausgang der Abstimmung am kommenden Sonntag.» (NZZ, 4.12.1963)
Am Sonntag, den 8. Dezember 1963 entscheiden sich die Zürcher Stimmbürger, noch ohne Frauen, mit knapper aber deutlicher Mehrheit für den Erhalt des alten Dorfkerns von Fluntern. Im Kreis 7 beträgt die Zustimmung über 70 Prozent.

Auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut
Nach der Volksabstimmung vom 8. Dezember 1963 spricht alles für einen zügigen Beginn des Umbaus am Vorderberg.
Ein Irrtum. Vom Hochbauamt liegt zwar ein detailliert ausgearbeitetes Projekt vor und noch 1964 erwerben die Alt-Zofinger den Gebäudekomplex von der Göhner AG und lassen ihn renovieren, ansonsten bewegt sich nichts.
Konnte es mit dem Abriss nicht schnell genug gehen, hat man jetzt Zeit. Viel Zeit. Erst fünf Jahre später beschliesst der Stadtrat die Weisung an den Gemeinderat zur «Platzgestaltung im Vorderberg».
Das Projekt, vom Tiefbauamt erarbeitet, sieht die Aufspaltung des Verkehrs in doppelspurige Einbahnstrassen vor, die als Kreisel um die grosse Mittelinsel mit den alten Häusern führen. Es ähnelt dem nun schon fast zehn Jahre alten Projekt des Hochbauamtes zum Verwechseln. Mit einem Unterschied: vor dem Schulhaus Fluntern wird die Hochstrasse als durchgehende Fahrstrasse gesperrt. Damit kann das bisher immer durch den Verkehr zweigeteilte Schulareal vereinigt werden. Ein grosser Fortschritt, «ein Geschenk an das Quartier», wie es der Architekt Heinz Oeschger nennt.
Ansonsten plant man noch «unter der Turn- und Spielweise des Schulhauses Fluntern die Erstellung eines unterirdischen Parkhauses für 150 Wagen mit einer Zufahrtsrampe zum Geschäftshaus Göhner» sowie «vorsorgliche bauliche Massnahmen, die ohne besondere technische Schwierigkeiten eine Unterfahrung der Häuser am Vorderberg … in einem doppelspurigen Tunnel zulassen.» (Gemeinderatsbeschluss, 12.2.1969) Allerdings nicht gleich, sondern zu gegebener Zeit, später einmal, vielleicht.

Grosskreisel Vorderberg
1973, nach zehnjähriger Planungs- und Bauzeit ist der Umbau beendet, das Werk vollbracht. So recht glücklich ist damit aber niemand.
Der Quartierverein, die Genossenschaft zum Vorderberg, die Kirchenpflege Fluntern und der Verein Pro Vorderberg wenden sich zusammen mit anderen Organisationen wieder an den Stadtrat und legen den Finger auf die Wunde. Nämlich: «die Isolierung der Insel mit den drei historischen Gebäuden als Mittelpunkt des Quartierlebens.»
Das Tiefbauamt, das dieses Projekt realisiert hatte, sieht es auch so: «Die Lage der Gebäude inmitten eines Verkehrskreisels ist kaum ideal zu nennen».
Für einmal sind die Kontrahenten des Abstimmungskampfes von 1963 einer Ansicht.
Die Häuser am Vorderberg sind zwar gerettet, aber ein Zentrum, das diesen Namen verdient, hat Fluntern nicht mehr. Statt dessen einen «Grosskreisel».

Anschluss ans Festland
Mit dem Abschluss der Bauarbeiten 1973 ist allen Beteiligten klar: Das Gelbe vom Ei ist die «Insel» Vorderberg nicht.
1977 legt der Architekt und Stadtplaner Heinz Oeschger eine Quartierstudie vor. «Zwar konnten durch die Verkehrssanierung die historischen Gebäude am Vorderberg erhalten und die ruhige Hochstrasse gewonnen werden, doch befinden sich die zentralen Funktionen auf fünf verschiedenen Ufern, durch Verkehr voneinander getrennt.» (Quartierstudie Heinz Oeschger, 1977) Sein Vorschlag: Anschluss der «Insel» an das «Festland». Eine bestechende Idee, die aber auch Widerspruch findet, weil der Verkehr auf die andere Seite verlagert wird, deren Vorteile generell aber überzeugen. Der grösste Nutzen ist vielleicht dieser: Fluntern kann so endlich das ersehnte und für das Quartierleben notwendige Zentrum erhalten. «Der moderne Mensch», so der Tages-Anzeiger 1963 anlässlich der Volksabstimmung über den Abriss der Häuser am Vorderberg, «braucht mehr denn je eine Beheimatung, die irgendwo ihren sichtbaren Ausdruck haben muss.» (Tages-Anzeiger, 3.12.1963)
1986 warnen Eltern: «Fluntern ist eine gefährliches Pflaster.» (Fluntern, Dezember 1986) Deshalb fordern sie die Halbinsel.
1987 wird abermals Heinz Oeschger für eine Halbinsel aktiv: »Wir gewinnen damit verkehrsberuhigte Flächen in unserem Zentrum und viele der problematischen Fussgängerübergänge entfallen.» (Fluntern, Februar 1987)
1991 fordert der Quartierverein Fluntern den Um- und Ausbau der
Umsteigestation Vorderberg.
1992 überweist der Gemeinderat oppositionslos ein Postulat der Gemeinderätinnen Luzia Vieli und Kathy Riklin, das den Stadtrat auffordert, den Vorderberg im Sinne der Projektstudie des Quartiervereins neu zu gestalten. Im Kommissionbericht des Gemeinderates wird festgehalten: «In der Verkehrseuphorie der sechziger Jahre wurde eine Insel mit Kreiselverkehr realisiert, die das Quartier um sein geselliges Zentrum brachte. Diese unbefriedigende Lösung soll nicht durch weitere Umbauten zementiert werden. Vielmehr ist die Chance zu nutzen, den Bereich im Rahmen eines ohnehin notwendigen Umbaus im Sinne der Projektstudie des Quartiervereins umzubauen». (Komm.bericht des Gemeindesrates der Stadt Zürich, 28.8.1992)
1994 stehen Wahlen zum Gemeinderat an. Kandidatinnen und Kandidaten versprechen: «Neugestaltung des Vorderberges mit einer Halbinsellösung. Denn unser Quartier hat durch die Verkehrsführung seit den sechziger Jahren sein Gesicht verloren.» (Kathy Riklin, Fluntern, Februar 1994) Und: «Der Gestaltungsplan Vorderberg steht an.» (Gion Hug, Februar 1994)
Im gleichen Jahr wird auch der Quartierverein wieder aktiv: «Das langfristige Ziel unseres Vorstandes bleibt es, aus der Vorderberg-Insel eine Halbinsel zu machen.» (Brief Vorstand QV Fluntern an den Stadtrat, 12.1.1994) Und wendet sich an die Stadtregierung. Stadtrat Kurt Aeschbacher antwortet: «Ihre Anliegen sind auch die unsrigen … Wir werden in der aufgezeigten Richtung arbeiten …» (Brief Kurt Aeschbacher an Fred Stoll, 3.2.1994) Mit einer Einschränkung allerdings. Denn eigentlich sei er nicht zuständig, sondern sein Amtskollege Thomas Wagner. Zugleich bedankt sich Stadtrat Aeschbacher «für den unermüdlichen Einsatz zum Wohle des Quartiers». Stadtrat Wagner dankt ebenfalls dem Quartierverein Fluntern dafür, dass er «Planungsschritte» aufgezeigt habe, «um langfristig das Zentrum Flunterns vom wenig glücklichen Inseldasein zu befreien …» (Brief Thomas Wagner an Quartierverein Fluntern, 28.1.1994) und leitet die Anregungen weiter. An die eigentlich zuständigen Verkehrsbetriebe …

Der Stadtrat schenkt Fluntern einen Tisch
Im Oktober 1994 besucht der Stadtrat Fluntern. Und macht Station auch am Vorderberg. Der Architekt und Stadtplaner Heinz Oeschger stellt den Stadträtinnen und Stadträten seinen Plan zur Lösung des Problems «Vorderberg» vor. Die zeigen sich beeindruckt. Ideal ist die «Insel Vorderberg» wirklich nicht, und das «Andocken» der Halbinsel an das «Festland» wäre zu begrüssen. Zwar nur prinzipiell und nicht jetzt, aber vielleicht im Jahre 2000, wenn die Tramgleise am Vorderberg erneuert werden. Stadtrat Wagner ist optimistischer. Er sieht keine grundsätzlichen Hindernisse für die «Halbinsel».
Zum Abschluss überreicht Stadtpräsident Josef Estermann dem Präsidenten des Quartiervereins Fluntern, Thomas Holzer, einen Gutschein für einen Holztisch und zwei Bänke: «Als kleiner Beitrag zum geselligen Beisammensein in Fluntern.» (Fluntern, Oktober 1994) Ob der Gutschein je eingelöst wurde, ist nicht zu ermitteln.
Regine Kretz kommentiert den Besuch des Stadtrats in der Zeitschrift «Fluntern» vorsichtig optimistisch: «Sein Wort in Gottes Ohr …». Dort scheint es allerdings nicht angekommen zu sein. Denn das Spiel vom Mahnen und Vertrösten geht weiter:
1995 konstatiert der Vorstand des Quartiervereins: «Der Vorderberg – eine trostlose Verkehrsinsel.»
1996 beschweren sich die Eltern wieder über die Situation am Vorderberg.
1997 lässt der Quartierverein Fluntern erneut durch Heinz Oeschger eine «Halbinsellösung» auf der Grundlage der von der Firma «Emch+Berger» geprüften Platzlösung untersuchen.
2000 mahnt die Generalversammlung des Quartiervereins in einer Resolution an den Stadtrat: «Da die Erneuerung der Tramgleise jetzt ansteht, erwartet das Quartier Fluntern von der Stadt, dass sie zusammen mit dem Quartier alles daran setzt, um die ‹Halbinsel-Idee› zu realisieren.» (Resolution der GV des Quartiervereins Fluntern, 2000)
Inzwischen werden die Tramgleise am Vorderberg erneuert, ohne die 1994 beim Besuch des Stadtrates in Fluntern in Aussicht gestellte Realisierung der «Halbinsel».
2002 stehen wieder Gemeinderatswahlen an. Abermals versprechen die Kandidat/innen: «Die städtebaulich sensiblen Projektvorschläge von Heinz Oeschger verdienen endlich ihre Realisierung … Erfahrungsgemäss beschleunigt parlamentarisches Handeln das Reagieren der Behörden auf Quartieranliegen.» oder «Die fussgängerfreundliche Umgestaltung des Platzes und die Anbindung der Insel sind also im Zuge der nächsten Erneuerung der Tramgleise unabdingbar.» Oder: «Die Aufwertung des Vorderberges zu einem belebten Quartierplatz ist zu begrüssen … Wichtig ist auch, dass bei einer Neugestaltung des Vorderberges die Quartierbevölkerung miteinbezogen wird.» oder «Die Idee von Heinz Oeschger war und ist bestechend.» (Fluntern, Februar 2002)
Im Dezember des Jahres 2002 reichen die Gemeinderätinnen Susann Briner und Monika Piesbergen eine Motion ein. «Der Zeitpunkt ist für den Stadtrat gekommen, sein Versprechen einzulösen, auf das im Quartier breit abgestützte Projekt zurückzukommen und die ‹Halbinsellösung› zu realisieren» (Motion Briner/Piesbergen vom 4.12.2002)
Drei Jahre später, 2005, legt das Tiefbauamt eine »Vorstudie Platzgestaltung Vorderberg» in gleich drei Varianten vor. Durch eine weitgehende Verlagerung des Verkehrs auf die Zürichbergstrasse soll eine «Halbinsel» realisiert werden. Die Studie listet Vor- und Nachteile dieser Lösung auf: «Optimale Umsteigeverhältnisse», ein «Sicherheitsgewinn für Fussgänger» und eine «wesentliche Stärkung des Platzcharakters» stehen einer «Verdoppelung der Verkehrsmenge auf der Zürichbergstrasse» gegenüber. (Vorstudie Platzgestaltung Vorderberg, Tiefbauamt Stadt Zürich, 2005)
Gegen Letzteres wehrt sich eine «Interessengemeinschaft Zürichbergstrasse»: «Der jetzige Zustand ist zwar nicht optimal, aber erträglich.» (H. Matthias, Fluntern Dezember 2005)
Im Jahre 2006 publiziert das Tiefbauamt das Grundsatzpapier «Aufwertung der Stadträume in den Quartieren» vor. Sein Ziel: «Mit der Schaffung von urbanen, fussgängerfreundlichen Bereichen sollen urbane Qualitäten verbessert werden.» (Tiefbauamt der Stadt Zürich, 22.9.2006) Auch für das Quartierzentrum «Kirche Fluntern» am Vorderberg wird Handlungsbedarf konstatiert. «Das Zentrum hat sich städtebaulich seit den sechziger Jahren nicht mehr wesentlich geändert … es ist heute ein Grosskreisel …» (ebenda) Geprüft werden solle deshalb eine «Halbinsellösung».
An dieser Prüfung arbeitet anschliessend ein zehnköpfiges Team von Fachleuten und stellt das Ergebnis vier Jahre später im Mai 2010 in gleich sechs Varianten vor.
Kernpunkt des Projektes: Verlagerung des Verkehrs hauptsächlich auf die Bergseite, talwärts nur noch eine verkehrsberuhigte Fahrspur – eine halbe «Halbinsel». Die Verkehrskommission des Quartiervereins stimmte diesem Plan zu, es gibt aber auch Proteste im Quartier von einigen Anwohnern, die dadurch mehr Verkehr vor ihren Häusern befürchten.
Das Tiefbauamt zieht seinen Plan zurück.
Und legt zwei Jahre später, um wenigstens die Vorgaben des «Behindertengleichstellungsgesetzes» für einen «behindertengerechten» Zugang zu Tram und Bus zu erfüllen, einen neuen vor.
Nach diesem Plan wird die «Haltestelle Kirche Fluntern» verbreitert, der Autoverkehr talwärts um eine Spur reduziert. Ansonsten soll alles so bleiben wie es ist: Kein «attraktiver, fussgängerfreundlicher Bereich», keine «Verbesserung urbaner Qualitäten», wie das Tiefbauamt 2006 postuliert hatte, und noch immer müssten die Kinder die Strasse mehrfach queren.
«Die vom Tiefbauamt vorgelegte Umbauvariante berücksichtigt nicht, dass es künftig im Max Huber-Saal im Vorderberg einen Schulhort geben wird. Im Interesse des Schutzes der Kinder muss ein möglichst gefahrloser Übergang vom Hort zum Schulhaus und umgekehrt gewährleistet werden. Dies ist umso dringlicher, da dem Schulhort kein eigener Aussenraum zur Verfügung steht und dafür der gegenüberliegende Schulhof und Sportplatz genutzt werden müssen.» (Stellungnahme des Quartiervereins Fluntern, 10.10.2012)
Der Widerstand gegen dieses Projekt beginnt sich in Fluntern zu formieren. Wie vor 50 Jahren schon einmal: Der Quartierverein organisiert einen «Runden Tisch» mit dem Ziel der Gründung einer «Interessengemeinschaft Quartierzentrum Fluntern» in der alle relevanten Organisationen Flunterns vertreten sein sollen.

Eine unendliche Geschichte mit offenem Ausgang.

Martin Kreutzberg