Geschäft mit Frischluft oder wem gehört der Wald — Die Dolderpark-Angelegenheit

Gehege mit Hirschen? Kinderkutschen mit Geissen? Ein lauschiges Restaurant mitten im Wald? Hängematten? Ja, gab es denn einmal einen Wild- und Kurpark am Zürichberg? Auf der Spurensuche vom Waldhotel Dolder ins Degenried zum Loorenkopf und wieder hinunter zum Restaurant Adlisberg versperren einem weder Zäune den Weg, noch muss man irgendwo Eintritt bezahlen. Auf die Frage, seit wann es den Park nicht mehr gibt, weiss auch in den Archiven niemand eine genaue Antwort. Die Spuren haben sich offensichtlich verlaufen. Belegt ist lediglich, dass der Holzpavillon 1957 abgerissen wurde. Dabei muss der 1897 eröffneten Wildpark im Dolderwald (damals Dolderpark genannt) ein beliebtes Familienausflugsziel gewesen sein. Sogar Freilichtaufführungen des Stadttheaters gab es zu bestaunen. Unter dem Titel «Grosse Attraktion: Gesellschaftsreise nach dem Dolderpark zum Preis von Fr. 1.– pro Person», wurde er von Kuoni beworben, obwohl er sich gerade einmal knapp drei Kilometer vom Standort der Agentur am Limmatquai entfernt befand.

Im INSA Zürich (Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850–1920) findet man unter Kurhausstrasse 65 folgenden Eintrag: «Dolderpark: Grosser Wildpark als touristisches Bergeinsamkeits-Erlebnis. Heute nicht mehr betrieben.» Wem gehörte dieser Park? Wer hat ihn betrieben? Ist der Postkartenidylle zu trauen? Blättern wir zurück. Um 1890 standen zwischen Römerhof und Dolder diverse noch nicht erschlossene und darum preislich attraktive Grundstücke und Waldgebiete zum Verkauf. Der Käufer, der mit Hilfe von zwei Geschäftspartnern schrittweise Parzelle für Parzelle aufkaufte, war Heinrich Hürlimann, ein umtriebiger Grundstückspekulant und Entrepreneur. dem die Stadt übrigens auch den Bau des Schauspielhaues verdankt. «Think big», würde man aus heutiger Sicht sein Credo bezeichnen. Nichts weniger als ein Kurort vor den Toren Zürichs schwebte ihm vor mit Kurhaus mit Kurpark, erschlossen von einer Standseilbahn vom Römerhof aus. Mit einer blumig formulierten Broschüre bewarb er sein Grossprojekt, Eine davon scheint 1892 auch auf dem Schreibtisch eines NZZ Redaktors gelandet zu sein.

Wenn man in der Stadt im Nebel hustet
«Erschliessung, die der Erholung und Regeneration des überarbeiteten, ruhebedürftigen Städters dient», Hürlimanns Projekt traf aus Sicht des Redaktors den Puls der Zeit. In der NZZ vom 30. November 1892 schrieb er: «Der Naturgenuss wird – das ist eine Kehrseite der grossstädtischen Entwicklung – für viele Familien eine Frage der Zeit und des Geldes … Was für ein Schaden an Gesundheit, an Familiensinn, an edler Lebensfreude das ist, versteht sich von selbst. Daher begrüssen wir ein Projekt mit grosser Genugtuung, das geeignet ist, uns Städtern und unseren Familien den Naturgenuß … gleichsam vor die Hausschwelle zu legen … . Ein Initiativkomitee von Hottingen und Riesbach veröffentlicht soeben den Prospekt für die Gründung eines Kurhauses und Wildparkes Dolder-Zürich mit einer Drahtseilbahn Römerhof-Dolder … . Welchem Zürcher lacht da nicht das Herz im Leib, denn ohne daß man es ihm sagt, sieht er noch etwas Neues im Hintergrund – eine Tramwaylinie aus der Stadt zum Römerhof … . Dann haben wir für dreißig oder vierzig Rappen in zehn Minuten von der Stadt den Wald, den kühlen, köstlichen Wald! Wenn man in der Stadt im Nebel hustet, lacht man da oben in die Sonne, kurz der Dolder wird für Zürich ein Miniaturdavos.» … «Für den Kurpark», führt er weiter aus, «braucht es keine große Gärtnerkunst. Die Natur hat alles schon bereitgestellt … . Ein Drahtgehege um denselben gezogen, Hasen, Rehe und Hirsche hinein und der Wildpark ist da, den man für unsere Stadt schon lange gewünscht hat. Wer geht mit seiner Familie nicht besonders gern das Tierleben zu belauschen? Zürich, seine Vereine, seine Gesellschaften, seine Schulen, das Volk, sie werden hier oben ihre Feste feiern, eine der Natur zurückgegebene Menschheit im Grünen … .» Das Projekt habe geradezu gemeinnützigen Charakter, schliesst der Redaktor seine Ausführungen. (NZZ 3.11.1892)
Trotz Sukkurs von Seiten der NZZ, zeigten sich mögliche Investoren vorerst zurückhaltend. Heinrich Hürlimann und seine Geschäftspartner sahen sich darum gezwungen, ihr Projekt zu etappieren. 1894 übertrugen sie die Grundstücke in die neu gründete Dolderbahn-Aktiengesellschaft, 1895 wurde die Bahn und das Restaurant Waldhaus eröffnet, 1897 folgte der Wildpark und 1899, nahm das berühmte Grand Hotel Dolder seinen Betrieb auf.

Miniaturdavos mit Drahtzaun
Sieben Jahre nach der Lancierung des Projektes war Hürlimanns Miniaturdavos im Dolder also Tatsache geworden. Wir reagierte die Bevölkerung auf die neuen Besitzer und den Freizeitpark in vormals unberührter Natur? Mit gemischten Gefühlen, denn die Aktivitäten der Dolderbahn-Aktiengesellschaft hinterliessen nicht nur unübersehbare und sondern auch unüberwindbare Spuren. Ganze 2.30m hoch war der Drahtzaun, der den Dolderwald oder eben damals Dolderpark nun umgab. Im Protokoll des Stadtrates von 4. August 1897 ist zu lesen: «Weil die Dolderbahngesellschaft den Dolderpark hat einzäunen lassen und den Einritt nur gegen Eintrittsgeld von 20 Rappen gestattet, sind zwei Waldwege (Gradweg und Stolzenweg), die bisher dem freien Verkehre offen standen, diesem entzogen worden. Dadurch veranlasst hat sich in einzelnen Teilen der Einwohnerschaft eine gewisse Beunruhigung geltend gemacht und es ist mehrfach verlangt worden, dass der Stadtrat einschreite, zu wahren.» Der Stadtrat zeigte zwar Verständnis für die Anliegen der Antragssteller, wies in seiner Antwort aber darauf hin, «dass die Dolderbahn-Aktiengesellschaft den Wald von 32 verschiedenen Privatbesitzern erworben habe, und darum zu keiner Zeit öffentlich-rechtliche Fuss- und Fahrwege bestanden hätten» … Der Stadtrat anerkannte in seiner Antwort aber, «dass die Abschliessung eines so grossen Waldgebietes, das bisher jedermann zugänglich war, von Naturfreunden unangenehm empfunden werden muss.»


Wem gehört der Wald?
Definitiv einen Riss bekam die angepriesene und vermarktete Naturidylle 1911 durch die alles andere als gemeinnützige Idee der Dolderbahn-Aktiengesellschaft, einen Teil des Dolderwaldes zu roden und mit Villen zu überbauen. Ob die mittlerweile angewachsene Investorenschar der Gesellschaft endlich Geld sehen wollte für ihre Einlagen, ob das mehr Kosten als Ertrag generierende Grand Hotel Dolder der Grund war oder ob die Idee für eine Überbauung schon von Anfang an bestand, lässt sich heute nicht mehr genau beantworten. Die Empörung in der Öffentlichkeit über den geplanten Eingriff in den Erholungsraum jedenfalls war gross. Es begann ein juristisches Seilziehen zwischen Stadt, Kanton und Aktiengesellschaft um bestehende oder nicht bestehende Servitute, Auflagen und Nutzungsbeschränkungen auf dem ehemaligen Amtsholz.
Die Kontroverse war durchaus grundsätzlicher Natur: Was war höher zu gewichten, öffentliches oder privates Interesse? Musste die offizielle Politik dem Bauboom nicht Einhalt gebieten, bevor es zu spät, bevor der Lebens- und Erholungsraum Wald unwiederbringlich zerstört war? «Je mehr sich die Stadt ausdehnt und die Bevölkerung zunimmt, desto mehr liegt es in der Pflicht der Behörden, dafür besorgt zu sein, dass das die Stadt umgebende Waldareal als grosser Naturpark in seiner gegenwärtigen Ausdehnung erhalten bleibt», hiess es in der Zürcher Wochen-Chronik vom 27. Mai 1911.

Der Deal
Eine Lösung zwischen den Streitparteien zeichnete sich nicht ab und so leitete die Stadt Zürich 1914 ein Expropriationsverfahren ein. 1916, nach fünf Jahren juristischem Seilziehens, einigten sich die Parteien schliesslich auf einen Tauschvertrag. Die Stadt erwarb von der Dolderbahn-Aktiengesellschaft nicht nur das zur Rodung vorgesehene Waldstück von 15065m2 zu einem Preis von CHF 10/m2, sondern zusätzliche Parkflächen entlang der Kurhausstrasse und des Wolfbachtobels bis zur Adlisbergstrasse, insgesamt eine Fläche von 101807m2. Die Stadt beglich einen Teil der Kaufsumme, in dem sie der Gesellschaft im Gegenzug städtische Baugrundstücken an der Kraft-, Freudenberg- und Sonnenbergstrasse abtrat.
So endet die Begegnung mit einer vermeintlichen Wildpark-Idylle. Wohin die Hirsche wohl gebracht worden sind?

Gabriela Mattes