Elisabeth Meyer-Gentner

Elisabeth Meyer-Gentner kommt am 4. November 1920 im damaligen Rotkreuz Spital an der Gloriastrasse auf die Welt. Die ersten zehn Jahre ihrer Kindheit verbringt sie mitten im Panoptikum einer internationalen Gästeschar, die in Zürich kürzere oder längere Zeit Station macht und eine möblierte Wohnungen ihrer Familie an der Hofstrasse mietet. Auch als die Liegenschaft an eine Versicherung übergeht, bleibt die Hofburg ihre Heimat, dort zieht sie als verheiratete Frau ihre drei Kinder gross, dort schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, dort kommen heute ihre Enkel zu Besuch.

Kinderbilder
Das Elternhaus an der Ecke Hofstrasse / Keltenstrasse – die Hofburg – liegt im Grünen umgeben von Wiesen und Reben. Unter dem Haus. Platz zum Spielen haben die Kinder mehr als genug, Nachbarsgärten werden durchstreift und es lockt der Kirschbaum, auf den verbotenerweise raufgeklettert wird. Gegenüber der Hofburg holen Elisabeth und ihre Schwester Friedel beim Bauer von Ballmoos täglich fünf Eier, nicht etwa sechs. Die Familie führt zwar ein Haus mit exklusiven Appartements, doch für sich selber lebt man sparsam.
Nicht alle Mieter haben gleich viel Freude an den Gentner Mädchen. Vor allem wenn es laut wird im Garten oder die Mädchen zu wild Fussball spielen, gibt es Klagen und der gestrenge Grossvater fürchtet um seine Rosen beim Hauseingang.
Wöchentlich werden in den möblierten Wohnungen Bett- und Tischwäsche gewechselt, das ist im Mietpreis inbegriffen. So steigen regelmässig grosse Dampfschwaden aus den Fenstern der Waschküche im Keller hoch. Die Mädchen dürfen nicht in die Nähe des heissen Waschzubers, das ist zu gefährlich. Doch auch von draussen ist es immer wieder ein grosses Schauspiel zuzusehen, wie die Wäscherin Rosa mit dem grossen Holzlöffel im Kupferkessel herumrührt und die dampfenden Leintücher mit einem gezielten Schwung hinüber ins Spülbassin wirft.
Zentrum der Grossfamilie ist Grossmutters Küche. Dort wird für das leibliche Wohl der Familie und der Angestellten gesorgt. Dort arbeitet die Köchin Anna, die den zartesten Ravioliteig, die luftigsten Dampfnudeln und die herrlichste Vanillesauce hinzaubert.
In Grossmutters Küche werden aber auch viele kleine und grosse Kindersorgen abgeladen, Tränen getrocknet und aufgeschlagene Knie mit der grünen Kräutersalbe von Pfarrer Künzli verarztet. Die Grossmutter, von allen «Groli» genannt, wird von Elisabeth bewundert und geliebt.
Der aufregendste und zugleich gefürchtetste Tag neben Weihnachten ist für Elisabeth und ihre Schwester Grossvaters Geburtstag. Die Fahrt mit dem Lift in den dritten Stock kommt ihnen wie eine Ewigkeit vor und die Erleichterung ist jedes Mal gross, wenn im Salon mit seinem imposanten Sessel und der Palme die gut vorbereiteten Gedichte über die Lippen kommen.
Weniger Angst einflössend als viel mehr faszinierend sind die Begegnungen mit den Hausierern, die von den Gentner-Frauen trotz dem Schild beim Hauseingang «Betteln und Hausieren verboten», ins Haus gelassen werden. Was fördern die Koffer nicht alles zutage: Zahnpasten, Schuhbändel, Mottenkugeln, seltsam riechende Seifen, Gummielast.
Ein besonderer Festtag sind die Sonntagsausflüge ins Alkoholfreie Kurhaus am Zürichberg. Das Menu ist für 3.20 Franken zu haben und Elisabeths Vater – ein eingefleischter Birchianer – ist froh, für einmal mit keiner Weinkarte belästigt zu werden.
Eine andere Sonntags-Tradition sind die Stückli, die jeweils bei der Bäckerei Frick am Vorderberg geholt werden. Elisabeths Grossmutter Groli, selber eine Bäckerstochter, findet die von den Schwestern Frick geführte Bäckerei die einzig anständige weit und breit.

Internationale Gästeschar
Die internationale Gästeschar, die in den zwanziger- und dreissiger Jahren in der Hofburg absteigt, bringt den Duft der weiten Welt nach Fluntern. So ganz anders ist der Lebensstil der Direktorenfamilien, der Konsuln und Künstler, der Studenten aus wohlhabenden Familien und der Professoren als Elisabeth es von ihrer Familie her gewohnt ist.
Beeindruckt sind die Kinder vom Konsul Viktor da Cunka. Er fährt ein weisses Buick-Cabriolet. Wenn er Zeit hat chauffiert er die Gentner-Schwestern ins Schokoladenparadies zum Confiseur Hefti neben der Kronenhalle. Die Fahrt auf den steilen, unasphaltierten Strassen ist ein Grossereignis und der Konsul mit seinem weissen Rohseidenanzug eine freundliche, aber unnahbare Gestalt wie aus dem Märchen.
Mit den Kindern des damaligen Direktors von American Express in Zürich freunden sich Elisabeth und ihre Schwester besonders an. Das bunt glitzernde Leben des Müssiggangs, die schicken, unpraktischen Kleider, die Hochglanz-Magazine, das alles ist so glamourös, so fremd. Wieso kann ihre Familie nicht auch so leben? Wieso ist die eigene Familie so normal, müssen die Frauen putzen und waschen, kochen, Früchte einmachen und bis in alle Nacht auf der Schreibmaschine Rechnungen tippen?
In den dreissiger Jahren rückt die Glitzerwelt in weite Ferne. Die illustren Gäste bleiben aus, in der Bircher-Klinik vis-à-vis wie bei den Gentners. Die Emigrantenfamilien, die in der Hofburg für kurze Zeit absteigen, bringen aufwühlende Geschichten mit. 1935 erscheint im Schweizer Spiegelverlag das Buch «Moorsoldaten» von Wolfgang Langhoff, in dem er über seine Erlebnisse im KZ-Lager Emsland berichtet. Was da steht ist derart grauenvoll, dass man es in Fluntern und in der Hofburg fast nicht glauben kann, wären da nicht die jüdischen Flüchtlinge, die es bestätigen. An dem am Schauspielhaus Zürich gefeierten Schauspieler Langhoff in der Rolle des Melchtal in Schillers Wilhelm Tell kann sich Elisabeth Meyer-Gentner gut erinnern.

Schulzeit
Die Primarschule besucht Elisabeth Meyer-Gentner im alten Schulhaus Fluntern. Dann folgen drei Jahre Sekundarschule im Ilgen am Römerhof. Manchmal ist sie spät dran und muss die steile Hofstrasse hinunter rennen, nicht immer ohne Folgen. Sie rutscht auf der unasphaltierten Strasse aus und muss mit aufgeschlagenen Knien voller Kieselsteinen in die Schule.
Ihr grosser Wunsch ist es, Lehrerin zu werden. Der Weg ans Lehrerinnen-Seminar an der Hohen Promenade ist auch mit Steinen, Hindernissteinen, gepflastert. Es gilt ein Numerus clausus. Von den sechzig Bewerberinnen können nur fünfzehn angenommen werden. Ihr Sekundarlehrer unterstützt sie und eine Schulfreundin mit Nachhilfestunden und so klappt die Aufnahme 1936.
Die intensive Vorbereitungsphase und der Eintritt in die Töchterschule kommt für Elisabeth zur rechten Zeit, lenkt es sie doch von der Fehlspekulation ihres Grossvaters mit einem Sanatoriumbau in Amden ab, zu dem ihn Dr. Bircher-Benner überredet hatte, und hilft ihr über seine Krankheit und seinen Tod im April 1935 hinweg.

Lehrerin mit Leidenschaft
Der Abschluss des Lehrerinnenseminar fällt in die Kriegszeit. Nun ist plötzlich keine Rede mehr von Numerus clausus, von Lehrerüberfluss. Die Männer sind im Dienst und die Frauen springen in die Lücke. Elisabeth Meyer-Gentner reist als Vikarin im ganzen Kanton Zürich herum, gibt einmal da einmal dort für ein paar Wochen oder Monate Schule. Dann bewirbt sie sich für eine feste Stelle im Schulhaus Seefeld. Man informiert sie, dass zwei Stimmen gegen ihre Wahl seien. Sie muss beim Schulpräsident antraben, der sie fragt, ob sie eine militante Katholikin sei … .

Berufstätige Mutter
Elisabth Meyer-Gentner ist Lehrerin mit Herz und Seele. Das Unterrichten liegt ihr. Sie heiratet für die damalige Zeit eher spät mit 29 Jahren. Sie bleibt mit ihrem Ehemann, einem Juristen, an der Hofstrasse wohnen und bleibt auch nach der Geburt ihres ersten Kindes Lehrerin. Zuhause ist die Kinderschwester Else der ruhende Pol. Sie führt den Haushalt, kocht und schaut nach dem Kind.
Ihr Ehemann unterstützt die Berufstätigkeit seiner Frau auch als sie mit dem zweiten Kind schwanger wird. Doch nun meldet sich der Vater zu Wort und gibt seiner Tochter unmissverständlich zu verstehen, wo ihr Platz ist.

Musik
Die Lücke, die der aufgegebene Lehrerinnenberuf hinterlässt, schliesst Elisabth Meyer-Gentner mit intensivem Geigenspiel. Während ihr Ehemann in einem Chor singt, spielt sie in der Orchestergesellschaft Küsnacht des musikbesessenen und stadtbekannten Gynäkologen Marus Meng mit. Geprobt wird am Freitagabend. Zeit ist für Marius Meng relativ und seine Proben dauern manchmal gut und gerne bis elf Uhr. Anschliessend geht es oft noch ins Östli, einer kleinen Beiz hinter dem Kunsthaus. Das Ensemble tritt traditionsgemäss einmal pro Jahr vor grossem Publikum in der Tonhalle auf. Die Musik ist für Elisabeth Meyer-Gentner bis heute fester Bestandteil ihres Lebens geblieben. Regelmässig wird die Geige aus dem Kasten hervor genommen und zusammen mit einer Freundin musiziert.

Ausklang
Die wilden Zwanziger-Jahre, die Krise in den Dreissiger-Jahren, der 2. Weltkrieg, die Hochkonjunktur der Siebziger-Jahre, die jetzige Wirtschaftskrise, alles hat Elisabeth Meyer-Gentner miterlebt. Auch wie sich das Quartier ihrer Kindheit verändert hat, wie die Gärten und Wiesen ihrer Kindheit nach und nach überbaut wurden, die Bauernhöfe im Quartier langsam verschwanden.
Doch als es vor einigen Jahren die Möglichkeit gab, nach Küsnacht zu ziehen, musste Elisabeth Meyer-Gentner keinen Augenblick zögern: «In der Hofburg bin ich aufgewachsen und hier will ich sterben», meint sie. «Das Haus an der Kreuzung ist meine Heimat, hier sind meine Kinder gross geworden, hier habe ich meinen Enkeln vom Küchenfenster aus zugewunken, wenn sie in die Schule gingen.»
So setzt sie sich nach dem Tod ihres Mannes auf den Balkon und beginnt die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben. Einen Sommer lang lässt sie die Erinnerungen Revue passieren, lässt die Welt ihrer Kindheit nochmals aufleben, bringt Zeile für Zeile von Hand zu Papier, getragen und eingebettet von Bildern, Düften, Geschichten und Gesichtern.

Gabriela Mattes, nach Erinnerungen von Elisabeth Meyer-Gentner