Warum kann man nicht zwei Leben haben”‰…

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde auch in der Schweiz der Ruf nach fachlich qualifizierten Pflegefachkräften unüberhörbar … . 1894 meldete sich die junge Ärztin Anna Heer bei Gertrud Villiger-Keller, der Präsidentin des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF). Ihr schwebte eine seriöse, mehrjährige Ausbildung von Frauen vor. Auf diese Weise hätten Krankenpflegerinnen berufliches Prestige, und die Aufgabe würde Frauen mit einer guten Vorbildung anziehen … Im Rahmen der Landesausstellung von 1896 in Genf fand der Schweizerische Kongress für die Intere«ssen der Frau, der erste Schweizer Frauenkongress statt. Und hier stellte Anna Heer in einem Referat über «Die Ausbildung in Krankenpflege» ihre Vorstellungen einer breiteren Öffentlichkeit vor. … Marie Heim-Vögtlin war von Anfang an aktiv mit dabei. Im Januar 1897 wurde dem Zentralvorstand des SGF der Vorschlag für eine Pflegerinnenschule vorgelegt. Die Kosten wurden auf 400”‰000 bis 500”‰000 Franken geschätzt. Anna Heer und ihre Freundin Ida Schneider gingen landauf, landab auf Betteltour. Marie Heim war Quästorin. Im Januar 1898 brachte ein grosser Basar im Zürcher Tonhallensaal 25”‰000 Franken … Und die Frauen verstanden es, im richtigen Moment einflussreiche Männer ins Boot zu holen. Stadtrat Johann Grob übernahm die Leitung der Baukommission, zu der als einzige Frauen Anna Heer und Ida Schneider gehörten … Auch Marie Heim-Vögtlins Mann Albert Heim gehörte ihr an. … Als Erstes entschied sich die Kommission für den Bauplatz am Römerhof. Die Stadt war bereit, das Bauland zu einem günstigen Preis abzugeben … Zu Maries Ehren fand die Grundsteinlegung am 11. Juli 1899 statt. 25 Jahre zuvor hatte sie an diesem Datum ihre Doktorprüfung bestanden…
Am 30. März 1901 wurden Schule und Spital eröffnet. … Im neuen Betrieb betreute Marie die Kinderstube: «Warum kann man nicht zwei Leben haben?» (Studer- von Goumöens, Elisatbeth: 25 Jahre Schweizerische Pflegeinnenschule, Zürich 1926, S. 36) soll sie geklagt haben. … Ihr Werk existierte beinahe 100 Jahre. Spital und Pflegerinnenschule wurde Ende 1997 geschlossen und anschliessend abgerissen.

Verena E. Müller