Mit unheimlichen Gefühlen — Die Eingemeindung von 1893

Der 24. Juli 1892 war ein historischer Tag. Die Bürger von Zürich und den Ausgemeinden Aussersihl, Enge, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon und Wipkingen stimmten der Vereinigung zu einer Stadt zu. Von den 3400 Einwohner/innen der Gemeinde Fluntern hatten 620 Männer Stimmrecht. Von denen unterstützten 322 die Vereinigung mit Zürich, 159 lehnten sie ab.

Im Januar 1833 beschliesst der Grossrat der Stadt Zürich die Schleifung seiner Festungswerke. Manche Zürcher fürchten, dass ihre Stadt so «zu einem Dorf herabsinken und allen räuberischen Überfällen aus der Landschaft preisgegeben» (Zurlinden, Hundert Jahre Stadt Zürich, S. 10) werde. Aber noch im Frühjahr wird mit dem Abbau der Fortifikationen, der Porten, der Barriere n und der Fallbrücken begonnen.
Zürichs Aufstieg zu einer Grossstadt beginnt. Aber er stösst an Grenzen. An Gemeindegrenzen. Denn die Stadt ist umgeben von elf Gemeinden, die alle strikt auf ihre Autonomie achten. Auch Fluntern.
In der Gemeinde wohnen 1835 gegen 1000 Menschen zerstreut am Fusse des Zürichbergs. Sie leben gut von der Landwirtschaft und dem Weinbau.
Ihre Kirche hat noch keinen Turm und keine Glocke.
Für die Ordnung sorgt ein Nachtwächter.
Dreimal im Jahr treffen sich Fluntern Männer zum Gemeindetrunk im Gesellenhaus am Vorderberg, um bei einer «Mass Wein» ihres Ratsherren Jörg Irrnigers zu gedenken.
1837 baut sich die Gemeinde ein eigenes Schulhaus. Die Absicht von Lehrer Ackermann jedoch «für die Schulstube eine passende Stockuhr im Werte von 40 Gulden anzuschaffen, liess in der Gemeinde manch heftige Stimmen laut werden. Man bezeichnete ein solches Begehren als verschwenderisch und bewilligte nur eine solide Schwarzwälderuhr.» (Schnorf, Festschrift, S. 26) Die Steine für den Neubau werden «nicht zum kleinsten Teil aus dem reichen Material gewonnen», (Schnorf, Festschrift, S. 47) das durch den Abriss der Mauern Zürichs freigeworden ist.
Der Bau selbst wird «alter Übung gemäss im Frondienst ausgeführt», zu dem Bürger und Niedergelassene verpflichtet sind. Bis auf die «Bettlägerigen mit ärztlichen Befundscheinen» , die über 70 Jahre alten Greise und die Blinden. «Doch sah man sich genötigt, auch Maurer im Taglohn beizuziehen und die Notwenigkeit, diesen den üblichen ‹Znüüni- und Abendwein› zu spendieren, verursachte den Hütern des Gemeindekellers einige Sorgen.» (Schnorf, Festschrift, S. 47)
Jedoch: Trotz der Sorgen um ihren Weinkeller – Die Gemeinde Fluntern ist stolz auf ihre Unabhängigkeit.
Der Druck für Veränderungen kommt von aussen, von der Stadt Zürich.
1840 konstatiert der Mediziner Prof. Schönlein: Zürichs Hospitäler sind «eigentlich nichts anderes als Pfrundhäuser, Anstalten für abgelebte oder mit unheilbaren Krankheiten behaftete Leute.» (Steinebrenner, Zwei Zürcher Kantonsspitalplanungen, S. 17) Und er fordert: «Es ist höchst notwendig, ein neues Krankenhaus zu bauen.» (ebenda) Der Regierungsrat beschliesst den Neubau auf dem Gebiet der Gemeinde Fluntern zu errichten.
Fluntern 1845: «Hier fällt uns vor allem das neue Spital auf, eine der schönsten Schöpfungen der Reformperiode unseres kantonalen Staatslebens. Seine Lage ist für den Zweck eines Krankenhauses ausgezeichnet; die reine Luft wirkt stärkend auf den Kranken und die prächtige Aussicht, welche viele dieser Patienten von ihrem Bette aus geniessen, tut dem leidenden Körper wie der Seele gut…. Mit dem Hauptgebäude verbunden ist durch einen langen gedeckten Gang die Anatomie. Hinter ihr liegt der Kirchhof des Spitals…» (Denzler, Fluntern, S. 13)


1847 — Die «Spanisch-Brötlibahn» erreicht Zürich / Bürgerkrieg in der Schweiz

1848 — Revolution in Europa. Die Schweiz vereinigt sich zu einem Bundesstaat

Im Seilziehen um den Rang der Bundesstadt hat Bern Zürich geschlagen. Jetzt kämpft die Stadt als Ausgleich um den Sitz der «eidgenössischen Hochschule», des Polytechnikums. An vorderster Front die NZZ:
«Wenn man sieht, was alles von einer eidgenössischen Hochschule verlangt wird, so darf man ohne Unbescheidenheit sagen, dass Zürich weniger einer schweizerischen Hochschule bedarf, als diese Zürichs…. Unsere Bevölkerung ist hinlänglich gross und selbstständig genug, um ein paar hundert Studenten mehr oder weniger unter sich verschwinden zu lassen, so dass von dem sogenannten deutschen Studentenleben gar nichts zu befürchten ist.» (NZZ, Der Sitz der eidg. Hochschule, 28.1.1854)

1851 — Die Nähmaschine wird erfunden

Am 7. Februar 1854 erhält Zürich den Zuschlag für eine «eidgenössische polytechnische Schule. Mit Folgen für Fluntern. Denn immer mehr Professoren, Studenten und – dies eine Novität – Studentinnen aus vielen Ländern nehmen hier ihren Wohnsitz. Vorzugsweise an der Platte. Das «quartier latin» Zürichs nennt man es inzwischen. Nicht weniger als sieben Wirtshäuser leben von den Zuzügern in die Gemeinde.

1855 — Der im Königreich Sachsen als «Demokrat 1. Klasse»» gesuchte Architekt Gottfried Semper erhält den Auftrag zum Bau des «Eidg. Polytechnikums»

Nicht alle Fluntermer erweisen sich dem «Studentenleben» gegenüber als tolerant: «Den hiesigen Einwohnern gefallen die Ankömmlinge gar nicht». Sie rauchen und tragen Hosen. «Kosakenpferdchen» nennt man sie abschätzig.

1867 — Die Schreibmaschine wird erfunden

Fluntern aber prosperiert. An einer Eingemeindung hat es gar kein Interesse. Die Einwohnerzahl steigt rasch und erreicht um 1870 das 3. Tausend. 1873 macht «die mächtig wachsende Schülerzahl auf über 200 die Wahl eines vierten Lehrers nötig.»
Vor allem aber: Das Zweizimmer-Schulhaus aus dem Jahre 1837 wird zu klein. Am 20. April 1873 entscheidet deshalb die Gemeindeversammlung von Fluntern: Wir bauen uns ein neues Schulhaus. Und zwar an der Hochstrasse. «Im Laufe des Sommers 1874 reifte der Bau, in dessen Verlauf die Gemeinde mit den üblichen Weinspenden an die Arbeiter nicht kargte.» (Schnorf, Festschrift, S. 47) Was nicht ganz ohne Folgen geblieben zu sein scheint. Denn: «Einige Fehler, die beim Bau vorgekommen waren, machten ansehnliche Verbesserungsarbeiten nötig.» (ebenda) Trotzdem, die Freude in Fluntern ist gross, als im September 1874 das neue Schulhaus bezogen werden kann. «Das bedeutsame Ereignis gab Anlass zu einem grossen Gemeindefest, in dessen Mittelpunkt ein farbenreicher Festumzug und abends in einer Festhütte ein sollennes Bankett stand.:» (Schnorf, Festschrift, S. 48) Hier gibt der Mediziner Biermer eine Anekdote zum Besten. «Er habe einmal einen Brief aus Deutschland erhalten mit der Adresse: ‹Zürich bei Fluntern›. Und launig fügte er an, dass eine solche Adresse demnächst mit Fug und Recht am Platze wäre.» (Schnorf, Festschrift, S. 49) Das war als Scherz gemeint. Aber nicht als einer ohne realen Hintergrund. Denn damals entstehen in Fluntern oder doch an seinen Grenzen das Kinderspital, das eidgenössische fortwirtschaftliche Institut, die Frauenklinik, das Pathologische Institut oder das Physikalische Institut an der Gloriastrasse.
Fluntern wächst. Die Gemeinde lebt. Und sie organisiert sich. Dem Zeitgeist entsprechend in Vereinen: Im Gesangsverein mit Männer- und Frauenchor und natürlich in einem Turnverein.
Eine Idylle. Doch sie täuscht. Wasserversorgung und Strassenbau, Kanalisation und Gesundheitswesen – überall behindern inzwischen die historischen Gemeindegrenzen die notwendigen Ausbauten. Es ist der Kantonsrat Conrad Escher, der 1874 erstmals in einer Serie « Zürich und die Ausgemeinden» in der NZZ öffentlich diesen Zustand beklagt: «Einem Fremden, der mit hiesigen Verhältnissen nicht näher bekannt, auf dem Dampfboote sich der Stadt Zürich nähert oder den Tunnel bei Wipkingen verlässt, präsentiert sich die Stadt Zürich samt den Ausgemeinden bereits als eine grosse Stadt. Wenn er das stattliche Häusermeer überschaut, kann er es kaum glauben, dass dasselbe von 11 ganz selbstständigen Gemeinden gebildet werde, die rücksichtlich ihrer Verwaltung unter sich in fast gar keinem Zusammenhang stehen.» (Escher, in: NZZ Nr. 266, 1874)
Eschers Schrift wurde gelesen und vergessen.
«Man stand sich trotz der Nachbarschaft, manchmal auch wegen derselben, recht fremd gegenüber. Und die Lust am Negieren liess mancher Gemeindebehörde eine Vereinigung keineswegs als begehrenswert erscheinen.» (Usteri, Rechenschaftsbericht des Zürcher Stadtrats 1875) Nochmals sieben lange Jahre tat sich nichts, gar nichts. Da erscheint im November 1881 im Tagblatt ein Inserat. Auf der letzten Seite. Ein winziges Inserat. Direkt neben der Werbung für Blutwürste und Leberwürste. «Frage: Wann werden die Ausgemeinden mit der Stadt vereinigt?» (Tagblatt 20.11.1885 )
Das Besondere: Der Inserent, ein Kaufmann Fierz, lässt es über Monate erscheinen.
«Die Frage schien keinen Tod zu haben. Und wenn man glaubte, dieselbe endlich los zu sein, stand sie erst recht wieder da. Kurz, es war nicht mehr zum Aushalten.» (Fritschi, in: Zürcher Volksblatt, Oktober 1891)

1876 — Das Telefon wird erfunden

Immerhin, nun gründet sich ein Verein:
Der Verein der Gemeinderäte von Zürich und den Ausgemeinden. Der diskutiert das Thema, findet – allerdings nur so en familie – die Vereinigung müsse einmal kommen, nur per se, aber jetzt noch nicht.
Also gründet man eine Kommission, die beruft vier Subkommissionen, von denen keine auch je nur eine Sitzung abhält.
Das Interesse an einer Stadtvereinigung scheint auf den Nullpunkt gesunken zu sein.
Es wäre noch viel Wasser die Limmat hinab geflossen, wenn nicht die Lösung eines Problems immer dringlicher geworden wäre.
Das Problem heisst: Aussersihl. Aus diesem von vielen geringschätzig angesehenen Arbeiterviertel kommt der entscheidende Anstoss zur Stadtvereinigung.
In den 60 Jahren vor der Vereinigung hat sich die Einwohnerzahl Zürichs verdoppelt, in Aussersihl ist sie jedoch um das 21-fache angestiegen. 1894 leben mehr Menschen in Aussersihl als in Zürich. Und es sind arme Menschen, Arbeiterfamilien, die kaum oder gar keine Steuer an ihre Gemeinde zahlen können, Menschen, die unter erbärmlichsten Umständen leben müsssen, wie der Pfarrer Hartmann Hirzel von Aussersihl in seinem offenen Brief «Der Wohnungs-Wucher in der Stadt Zürich» schildert.
Im November 1885 wendet sich der Gemeinderat von Aussersihl mit einer Petition an den Kanton. «Ohne einen Vorwurf zu erheben, tritt eine ansehnliche Gemeinde vor die oberste Landesbehörde mit dem Nachweis, dass sie, unschuldigerweise, dem unausweichlichen Verderben entgegengetrieben wird. Und dieser Nachweis ist ein unwidersprechlicher.» (Der Landbote, 1.11.1885)
Und Aussersihl fordert: Total-Zentralisation jetzt: «Geschichte, die sich nicht machen will, so sehr sie sich machen sollte, die muss gemacht werden.» (ebenda)
Es sind weniger solche markigen Worte, als die ökonomischen Notwendigkeiten, die Ende der achtziger Jahre die Stadtvereinigung nun rasch voranbringen.
«Die innere Stadt birgt die Banken, die grossen Magazine und Kaufhäuser, die Vergnügungsetablissements, Hotels, Cafés und feinen Restaurants. Hottingen zieht wegen seiner landschaftlich schönen Lage die wohlhabende Bevölkerung an. Noch mehr ist das bei Enge, der Vorstadt der Millionäre, der Fall….Aussersihl, der landschaftlichen Reize entbehrend, dagegen eignet sich vorzüglich als Wohnquartier für die Arbeiterklasse.» (Geschichte der Zürcher Stadtvereinigung, S. 88)
Die Gemeinde Fluntern dagegen wird wegen seiner Nähe zu den wissenschaftlichen Anstalten immer mehr zum bevorzugten Wohnsitz der Professoren, Ärzte und Studenten. Aus Rebbergen werden Baugrundstücke. Die Einwohnerzahl steigt, die Finanzen der Gemeinde halten sich auf gesunder Grundlage. Und es sind jene Jahre, in denen Fluntern, nicht zuletzt wegen seiner Lage am Zürichberg, zum «Gesundheitshügel» wird.
Im Sommer 1887 erscheint der Landwirt Hofmann-Gut beim Pfarrer Walter Bion und macht diesem einen Vorschlag. Er wolle ihm am oberen Zürichberg eine Jucharte Land schenkungsweise zu Verfügung stellen. Einzige Bedingung: Es müsse einem wohltätigen Zweck dienen. Pfarrer Bion weiss, was fehlt: Ein Erholungsheim für «minderbemittelte, rekonvaleszente Männer und Frauen, die eine Kräftigung in guter Luft nötig haben».
80 Rappen pro Tag haben die «Minderbemittelten» für ihre Kräftigung zu zahlen.
Wenig später wird der «Zürcher Frauenverein für alkoholfreie Wirtschaften» gegründet, der dann sein «Kurhaus Zürichberg» eröffnet, entsteht der «Verein für Volksgesundheit», kommt Bircher Benner mit seiner ersten Privatklinik an den Zürichberg.

1889 — Die Polybahn, auch Studentenexpress genannt, nimmt den Betrieb auf

Um 1890 zählt Fluntern, inzwischen auf über 3500 Einwohner/innen angewachsen, «obzwar damals noch kein ausgesprochenes Kapitalistenquartier, zu den bestsituierten Gemeinden um Zürich. Es gehörte zu den Vororten, die sehr wohl ohne Stadtvereinigung ausgekommen wären, und man braucht sich nicht darüber zu verwundern, dass die Bestrebungen, die Ende der achtziger Jahre mit Wucht auf die Eingemeindung der elf Orte um Zürich drängten, in Fluntern nicht eitel Gegenliebe fanden. Noch im Sommer 1890 spricht der Fluntermer Gemeinderat von ‹unheimlichen Gefühlen›, die das Eingemeindungsprojekt in Fluntern geweckt hätten.» (Fluntern im Wandel der Zeiten, S. 17)
Jedoch das Problem Aussersihl duldet keine Rücksicht auf die ‹unheimlichen Gefühle› des Fluntermers Gemeinderat. Energisch treibt der Kantonsrat jetzt die Eingemeindungen voran.
Natürlich gibt es Widerstände.
In den «Schweizerblättern» warnt Friedrich Otto Pestalozzi:
«Die Riesenarbeit des plötzlichen Übergangs wird den leitenden Persönlichkeiten über den Kopf wachsen und uns in einen heillosen Wirrwarr stürzen.» Und er prophezeit: «Die Totalvereinigung führt zum Totalruin. Die Stadt wird zu einem Schuldennest, zu einer Bettelkönigin werden.» (Schweizerblätter, 1.11.1885)
Noch drastischer drückt es der Bauernführer Konrad Keller in seinem «Neu-Babylon» aus: «Es wird einen Stadtrat geben, gross wie der Kantonsrat. Schon spricht man von Besoldungen der Stadträte von 10.000 Franken im Jahr. Alles wird mit der grossen Kelle angerichtet. Dann gibt’s Departemente, Sektionen, Kommissionen, Bureaux mit Hunderten von Angestellten. Natürlich alle mit in der Wolle gefärbten Sozialdemokraten! Ausser ihren Schulden besitzen die Ausgemeinden ganze Berge von Projekten, die nur deshalb nicht ausgeführt sind, weil es mit den Finanzen hapert. Jetzt wird dem Uebel bald abgeholfen werden. Gibst du mir eine Wurst, so lösch ich dir den Durst. Die Herren Architekten speuzen sich schon in die Hände. ..Für das Theater hat unsere Regierung 30.000 Fr. ausgeworfen, weil geistige Güter gepflegt werden müssen. Die Tonhalle, der grosse Heulkasten wird einige Hunderttausende verschlingen, der schönen Aussicht wegen…» (Konrad Keller, Neubabylon, 1891)
Als Knackpunkt für die Stadtvereinigung aber erweist sich die Dauer der Schulpflicht.
In der Stadt Zürich besteht man auf einer achtjährigen Schulplicht. Den Landsgemeinden, die ihre Kinder bei der Feldarbeit beschäftigen wollen, erscheint das als Frevel.
Doch an den Kindern soll die Vereinigung nicht scheitern: Man findet einen gut eidgenössischen Kompromiss: Der Kantonsrat bewilligt das 7. und 8. Schuljahr, aber mit der Klausel, dass darüber vom Volke gesondert abgestimmt werden sollte.
In der Volksabstimmung am 9. August 1891 wird der Vereinigung von Zürich mit seinen Aussengemeinden mit deutlichem Mehr zugestimmt.
Das 7. und 8. Schuljahr für die Kinder allerdings bringt die Landschaft zu Fall. Was die NZZ zu einem drastischen Vergleich anregt, nämlich: «Mit dem Benehmen eines Hundes, eines Hundes, der auf einem Bündel Heu liegend gegen den Ochsen knurrt, der davon fressen will. Obschon der Hund das Heu nicht selber fressen mag, gönnt er es doch dem Ochsen nicht.» (Geschichte der Zürcher Stadtvereinigung, S. 140)
In der ersten Volksabstimmung Neu-Zürichs am 24. Juli 1892 wird die Gemeindeordnung angenommen.
Ausnahme: die Gemeinde Wollishofen. Die klagt gegen die Eingemeindung vor dem Bundesgericht, verliert und lässt ihren letzten Protest in einer Kapsel in ihrem Kirchturm einmauern.
Zürich aber feiert.
«Die starke Freude verlangte nach einem sichtbaren Ausdruck. Deshalb versammelten sich die Abgeordneten Gross-Zürichs am 30. Juli 1892 zu einer gemeinsamen Fahrt auf den Uetliberg, um die Annahme der Gemeindeordnung zu feiern. Jedoch sollten die Abgeordneten die Kosten selbst tragen….Der Regierungsrat hatte sich entschuldigen lassen, sandte aber den Abgeordneten als seinen freundlichen Gruss 150 Flaschen Ehrenwein. Der grosse Saal des Restaurants auf dem Kulm umschloss bald eine fröhliche Tafelrunde… Brausend erscholl das Hoch und hell klangen die Gläser. Mächtig brach die Begeisterung sich Bahn. «Es war erhebend, die in hartem Kampf so oft gegeneinander ringenden, in manchem Sturm ergrauten Männer nunmehr in feierlicher Eintracht ein altes schönes Lied singen zu hören, das unsterbliche Goldne Abendsonne, wie bist du so schön.» (Zurlinden, Hundert Jahre Stadt Zürich, S. 249/50)

Martin Kreutzberg