Das Vermächtnis des Philipp Schwartz

Wer kennt Philipp Schwartz? Diesen herausragenden deutsch-jüdischen Neuropathologen, der im März 1933, als die Nazis die Reichsermächtigungsgesetzte in Kraft setzten, Hals über Kopf Frankfurt verlassen musste und in Zürich bei seinen Schwiegereltern Zuflucht fand? Vom Schweizer Exil aus, von der Plattenenstrasse 52 in Fluntern, ist Philipp Schwartz Unglaubliches gelungen: Er initiierte einen Gruppenexodus von entlassenen deutschen Wissenschaftlern plus deren Mitarbeitern und Angehörigen, und zwar in einem ersten Schritt in die Türkei, wo Kemal Atatürk mit einer grundlegenden Modernisierung der Universitäten begonnen hatte. Bis 1945 fanden allein in der Türkei mindestens tausend Menschen eine neue Existenz – das ist eine Aktion von weltgeschichtlicher Bedeutung, ein Wunder fast, von dem hierzulande kaum jemand weiss.

Philipp Schwartz, Professor für Pathologie in Frankfurt, wurde von Kollegen vor seiner unmittelbar bevorstehenden Verhaftung gewarnt, floh im März 1933 mit seiner Familie zu den Schwiegereltern Tschulok nach Zürich. Im Exil angekommen, fiel ihm auf, dass er «auf Schritt und Tritt» Kollegen traf, die «normalerweise ihren Unterrichtsverpflichtungen in Frankfurt, Berlin oder Würzburg hätten nachgehen müssen.» Überwältigt von der grossen Anzahl geflüchteter, zur Untätigkeit verdammter Wissenschaftler, die ohne Perspektive ihre Tage im Exil verbrachten, entschloss er sich zu handeln: Er rief eine Organisation ins Leben und machte diese via «Neue Zürcher Zeitung» bekannt; und zwar anfänglich unter dem Namen «Zentralberatungsstelle für deutsche Gelehrte». In einer kleinen, am 16. Mai 1933 ganz unten rechts in der Abendausgabe der NZZ publizierten Notiz bat er darum, «zweckdienliche Mitteilungen» an die Plattenstrasse 52 in Zürich zu schicken … . Die Notiz in der NZZ bewirkte Überraschendes. Knapp zwei Wochen später traf an der Plattenstrasse 52 eine Postkarte ein. Der Absender empfahl, man solle sich doch mit dem Genfer Pädagogikprofessor (und Ständerat FDP) Albert Malche in Verbindung setzen, der in Istanbul eine Universitätsreform vorbereite … Philipp Schwartz reiste unverzüglich nach Istanbul, und es gelang ihm in der Folge, zunächst dreissig und danach Hunderte von Wissenschaftlern an türkische Universitäten zu vermitteln. Das war der Anfang einer weit umfassenderen Vermittlungsaktion vertriebener deutscher gelehrter an Hochschulen in der ganzen Welt.
Der Frankfurter Medizinhistoriker Gerald Kraft geht davon aus, dass bis 1945 rund dreihundert Gelehrte, Künstler, Techniker und Politiker allein in Istanbul Zuflucht und eine neue Wirkungsstätte fanden. Mit ihnen reisten Assistenten, wissenschaftliche Hilfskräfte und Angehörige ins türkische Exil. Kreft spricht von mindestens tausend Menschen, die so dem Naziregime entrinnen konnten …
Philipp Schwartz selbst übernahm im Oktober 1933 an der Istanbuler Universität das Institut für Pathologie und leitete dieses neunzehn Jahre lang. Weil ihm (nach dem Zusammenbruch des Naziregimes) verwehrte wurde, an seinen Frankfurter Lehrstuhl zurückzukehren, wanderte er 1952 in die USA aus und forschte weiter auf den Gebieten Geburtstrauma, Schlaganfall, Tumorpathologie, Tuberkulose und Alzheimer.

Letzte Ruhestätte Friedhof Fluntern
1977, im Alter von 83 Jahren, starb Philipp Schwartz in Florida. Seine Ehefrau Vera lebte nach seinem Tod in Zürich bei ihrer Tochter. Als 1992 ihre Mutter starb, veranlasste Susan Ferenc-Schwartz die Überführung der Urne ihres Vaters in die Schweiz, so dass sich die letzte Ruhestätte des Ehepaars Tschulok-Schwartz auf dem Friedhof Fluntern befindet. Ein schlichter Grabstein mit Inschrift erinnert an die Verstorbenen: Er befindet sich ganz in der Nähe zu den Gräbern von James Joyce und Elias Canetti.

Der Originalartikel erschien am 22.2. 2013 in der NZZ

Ein Ehrengrab für Philipp Schwartz – und eine Entschuldigung
Mit dem Ehrengrab würdigte die Stadt Zürich im April 2014 das Wirken eines ungewöhnlichen, unerschrockenen Mannes, das beinahe in Vergessenheit geraten wäre. Dass dies nicht geschah, so Sergio Gut, Direktor des Zürcher Bevölkerungsamtes, «ist das Verdienst von vielen Leuten»; es war sozusagen eine Bürgerbewegung, die sich für die Ehre und die Anerkennung von Philipp Schwartz einsetzte – mit Erfolg.
In der Türkei allerdings wird der Neuropathologe seit Jahrzehnten gewürdigt und geehrt. Schwartz, der 1933 Hals über Kopf von Frankfurt zu seinen Zürcher Schweigereltern flüchten musste, gründete während seines Aufenthaltes in Zürich in Fluntern die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland. Es gelang ihm und seinen Helfern, Tausende von gefährdeten Wissenschaftlern zu vermitteln; in einem ersten Schritt in die Türkei, danach in alle Welt. Er selbst wäre nach dem Zweiten Weltkrieg gerne an den Lehrstuhl der Frankfurter Goethe-Universität zurückgekehrt, was ihm aber verwehrt wurde. Für dieses Verhalten entschuldigte sich bei der Einweihung des Ehrengrabes der Vize-Präsident der Goethe-Universität, Manfred Schubert-Zsilavecz, in aller Form und versprach, dass er sich dafür einsetzen werde, dass Philipp Schwartz auch in Frankfurt/M gebührend gewürdigt werde: als Wissenschaftler, als Vertriebener und als Helfer.
Dies geschah im November 2014 mit einer Stele vor dem Klinikum der Universität Frankfurt/M, auf der die Namen aller durch Philipp Schwartz geretteten Menschen eingraviert sind.

Brigitte Hürlimann