Helene Heim

Ältere Fluntermer erinnern sich noch heute an sie und schwärmen von ihr: Helene Heim, viele Jahre Sonntagsschullehrerin an der Alten Kirche Fluntern.

Helene Heim wurde 1886 in Hottingen geboren. Ihre Eltern waren prominent: Der Vater Albert, Geologe und Professor an der ETH, die Mutter Marie Heim-Vögtlin, die erste Schweizer Ärztin.
Albert Heim wollte seinen beiden Kindern Arnold und Helene ein gesundes Aufwachsen ermöglichen. Er erwarb deshalb einen Rebhügel oben am Zürichberg. Dort zimmerte er mit Hilfe eines Arbeiters eigenhändig ein Holzhaus, nach der Lieblingsblume seiner Frau Marie «Hagrose» genannt, später nur noch das «Hüsli». Der Sommersitz der Familie.
So wurde Helene Fluntermerin.
Als überzeugter Antialkoholiker «befreite» Albert Heim zusammen mit Freunden den Hügel zunächst von allen Rebstöcken und legte statt diesen einen grossen Garten an. In den ersten Jahren diente die «Hagrose» vornehmlich als Sommersitz der Familie. Sommer für Sommer, während 35 Jahren, wurde die Wohnungseinrichtung, à la Turnachkinder, im April mit Pferd und Kuh von Hottingen aus den Berg hinaufgeschleppt. Und im Oktober folgte dann die Talfahrt.
Helenes Eltern waren beide beruflich stark beschäftigt. Der Vater stand, wenn er nicht seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachkam oder als Geologe in den Bergen herumstieg, im «Studierzimmer» an seinem Stehpult und schrieb Gutachten. So für die Wasserversorgung in der Schweiz. Arme Gemeinden hatten zwei Franken, wohlhabendere fünf für ein Gutachten zu zahlen. Die Mutter war oft unterwegs. Zu Fuss, begleitet von ihrem Hund, besuchte die Ärztin ihre Patientinnen. Und Bruder Arnold, Geologe wie sein Vater, begann schon früh mit seinen Forschungsreisen durch die ganze Welt.
Helene war deshalb als Jugendliche oft allein. Aber sie fühlte sich nicht einsam. Sie spazierte, genoss die prächtige, damals noch völlig unverbaute Aussicht vom Zürichberg auf den See oder sang. Sie hatte eine schöne Stimme. Sängerin wollte sie werden. «Sängerin» als Beruf? Da mochten die Eltern noch so fortschrittliche und liberale Ansichten haben – das doch eher nicht. Also verzichtete das «stille Mädchen», folgte dem Rat der Mutter und lernte Krankenschwester in der «Pflegi». Ohne Begeisterung allerdings: «Man muss vor allem Böden putzen», stellte sie fest. Nach ihrem Verzicht, so erzählt man sich in der Familie, habe Helene «ihre Stimme verloren».
Nützlich war die Ausbildung Helenes zur Krankenschwester für die Eltern allemal. Zunächst pflegte Helene ihre an Tuberkulose erkrankte Mutter bis zu deren Tod 1916 und später kümmerte sie sich im «Hüsli» um ihren Vater.
Das «Hüsli» am Zürichberg wurde zu Helene Heims eigentlichem Zuhause. Dort lebte sie bis 1976, drei Jahre vor ihrem Tod.
Helenes Eltern, auch die Mutter, Tochter eines Pfarrers, waren als Naturwissenschaftler überzeugte Atheisten. Sie wandten sich ab von Religion und Kirche. Anders Helene. Sie fühlte sich vom Glauben angezogen und rückte der Kirche wieder näher. Die Familie akzeptierte das.

Die Sonntagsschullehrerin
«Es gibt für mich nur die Wahl zwischen Kunst und Krankenpflege … Und ein Schulmeister kann ich leider nicht werden, weil ich das Gegenteil von einem Lehrtalent habe», so Helene über sich in einem Brief an ihren Vater.
Selten hat wohl ein Mensch seine eigenen Fähigkeiten so falsch eingeschätzt wie Helene Heim.
Als man sie fragte, ob sie nicht am Sonntagmorgen in der Alten Kirche Fluntern den Kindern die biblischen Geschichten näherbringen könnte, nahm sie das Angebot an.
Und Helene Heim erzählte gerne und gut: Die Geschichte von «David und Goliath», nicht gerade ein Musterbeispiel für einen sanften Sonntagmorgen, von «Moses im Schilfkörbchen treibend» oder vom «Kindlein in der Krippe». Anschaulich und spannend erzählte Helene Heim und die Kinder lauschten atemlos und begeistert. Jahrzehnte lang führte sie die Sonntagsschule in der Alten Kirche. Helene Heim hatte ihren Platz im Leben gefunden.
1976 stürzte Helene Heim und lag dann bei liebevoller Pflege drei Jahre im Bethanien. Sie hörte nur noch schlecht, freute sich aber über jeden Besuch, über Berichte von ihrem geliebten «Hüsli» und über Blumen aus ihrem Garten oben am Zürichberg. 1979 starb Helene Heim. Ihre Urne wurde im Ehrengrab der Familie im Friedhof Sihlfeld bestattet.
Noch heute erinnern sich alte Menschen lebhaft an sie: An das stille Mädchen, die Sonntagsschullehrerin von Fluntern, die so vielen im Gedächtnis geblieben ist.
Helene Heims «Hüsli» an der Köllikerstrasse hatte kein schönes Ende. Das Land wurde verkauft, die «Hagrose» verschwand bei Nacht und Nebel. Niemand weiss, wohin das Haus gekommen ist. Angeblich wurde es an einem anderen Ort wieder aufgebaut.

Zu Besuch bei Tante Helene
Es war um das Jahr 1945. Eine merkwürdige Idee trieb mich damals, auf dem Heimweg von der Uni einen Abstecher zur «Hagrose» zu machen.
Ich wusste von Helene und ihrer Freundin Annemarie oben im «Hüsli», ich wusste auch, dass ihr Bruder Arnold, der Vater meines Verlobten, in Südamerika war. Helene empfing mich freundlich, aber ein wenig distanziert. Kein Wunder, ich war ihr völlig unbekannt. Wir sassen auf dem Balkon unter dem mächtigen Nussbaum und erzählten uns gegenseitig. Fluntern war mir fremd. Ich wohnte ja auf der anderen Seite des Sees, an der Grenze zu Kilchberg. Das war ihr fremd. Wie übrigens auch der Neffe, der nicht ihr Lieblingsneffe war. «Was gefällt Dir denn an ihm», fragte sie mich. «Er ist doch so an allem interessiert und immer guter Laune», antwortete ich. Diese Laune war im «Hüsli» unbekannt.
Nun, wir kamen uns näher, obwohl sie immer zurückhaltend blieb und nie geschwätzig war. Bei unserer Hochzeit wurden die auswärtigen Verwandten mittags von Helene und ihrer Freundin Annemarie verpflegt: Mit eigenem Most, Rhabarberwähe und frischen Brombeeren.
Meine eigene Familie wuchs. Die zwei alten Fräuleins freuten sich. Es entstand ein Ritual: Sobald der Säugling, einer nach dem anderen, abgestillt war, wurde er oben im «Hüsli» freudig aufgenommen. Beide, Pflegischwestern und kinderlieb, übernahmen die winzigen Wesen zum Füttern und Wickeln, damit sich die Mutter vom Stillen erholen konnte. Alles war von den zwei Fachfrauen bereit gestellt: Schoppen und Wickeltisch. Später gab es dann für die Kinder neben der guten Luft und dem ruhigen Lebensstil noch kleine Brombeeren und Kohlrabi vom ehemaligen Rebhügel. Tante Helene wurde ein Ausflugsziel, wo man «wässerlen» konnte und Nüsse sammeln.

Küngolt Heim Aebli, nach eigenen Erinnerungen